Das grüne Tuch

Azizullah Ima

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Niemand hatte damit gerechnet, dass jemand in diesem Abenddunst die Brücke überqueren würde. Er hatte auf der anderen Seite noch keinen Fuß auf den Boden gesetzt, da erschoss man ihn schon.

Vom Fenster her wehte der Wind den Klang von Erinnerungen heran, den Klang der Stimme Parmas, wie sie, das Haar in ein grünes Tuch geschlungen, damals unter den Bäumen gesessen und erzählt hatte:

„Vor vielen Jahren brachten sie Faramarz eines Nachts blutüberströmt zu uns nach Hause. Mit einem glühenden Messer holte mein Vater die Kugel aus seinem Arm. Meine Mutter, die entfernt mit Faramarz verwandt war, weinte. Ich blieb die ganze Nacht über wach. Irgendwann waren auch meine Eltern eingeschlafen und niemand außer mir hörte ihn, als Faramarz mitten in der Nacht rief. Er rief nach Wasser. Ich brachte ihm einen Krug und als ich ihn berührte, richtete er sich auf. Vor ihm brannte ein helles Lämpchen. Ich reichte ihm das Wasser. Meine Hände hatten sich noch nicht wieder von dem Krug getrennt, da umschloss Faramarz ihn schon fest mit seinen großen Händen. Die Hitze dieser Hände durchzog meinen Körper von Kopf bis Fuß. Mir wurde warm ums Herz. Faramarz leerte den Krug und hielt ihn mir wieder hin. Dieses Mal berührte ich seine Hand mit meinen beiden Händen. Faramarz drückte die linke vorsichtig und hob sie zu seinen Lippen. Auf meinem Handrücken konnte ich seinen Atem fühlen, dann ließ er die Hand wieder los. Seinen Blick heftete er jetzt auf den Teppich, ganz so als würde die Scham, die er angesichts dieses jähen Kusses empfand, auf diese Weise aus seinen Augen und zu Boden fallen. *

Mit dem leeren Krug ging ich zu meinem Bett zurück. Die Nacht war von einer solchen Ruhe, das mir war, als sei mein Herz das einzige Lebewesen, das noch rege war, in der Stille der Dunkelheit. Der Schlaf trug mich fort, ein friedlicher Schlaf.   

In den frühen Morgenstunden vermochte selbst der Lärm der Vögel vor dem Fenster diesen Schlaf nicht zu stören. Ich hatte die Augen gerade erst aufgeschlagen, da hörte ich schon die Stimme meines Vaters – Faramarz habe die Grenze bereits passiert.

Ich stand auf. Alles erschien mir mit einem Mal unbeseelt. Die Wände, die Stimme meines Vaters, sogar der Blick meiner Mutter.

Er war fort. Der verwundete Vogel war weitergeflattert und hatte einen anderen verletzt im Käfig zurückgelassen. Mutter raffte Faramarz Schlaflager zusammen. Seine Lampe brannte noch, inmitten des Sonnenlichts.

Mutter sagte mir, ich solle das Licht löschen. Ich löschte das Licht. In meinem Herzen loderte ein pulsierendes Feuer auf.“

Später las ich Parimah eine meiner Erzählungen vor. „Ich wünsche, du würdest eines Tages auch meine Geschichte aufschreiben“, sagte sie darauf, lachte und fuhr fort:

„Weißt du … ein Jahr, nachdem Faramarz mir begegnet war, galoppierte dort auf der Höhe der großen und massiven Silberpappel ein Reiter an mir vorüber. Der Reiter ließ sein Pferd noch ein Stück weiterlaufen, bevor er es wendete. Er blieb vor mir stehen und stieg von seinem Pferd. Ohne aufzusehen wollte ich schon gehen, als ich die Stimme hörte, Faramarz Stimme!

Damals gab er mir ein grünes Tuch.“

Zwei der Seiten des Dorfes sind von Bergen umgeben – der Ausläufer des Friedhofs, der dem Sonnenaufgang zugewandt ist und die östliche Seite.  Man erzählt sich, jenseits der Berge lebten Menschen, die eine andere Religion hätten. Auf der dritten Seite liegt der Fluss, auf der vierten ein Wald. Jenseits des Flusses leben Menschen, die einen der ältesten Dialekte sprechen und jenseits des Waldes sprechen die Menschen eine andere Sprache.

Inmitten der Masse an Gräbern, hatten unter denen, die hier ruhten, bis auf wenige, die eines natürlichen Todes gestorben oder bei Überfällen fremder Soldaten ums Leben gekommen waren, alle Menschen ihren Tod selbsterrichteten Grenzen und Mauern zu verdanken.

An jenem Tag, ich hatte mich mit Parimah in den frühen Morgenstunden in einen entlegenen Winkel zurückgezogen, erinnerte sie sich, wie sie in der kalten Jahreszeit, wenn das Wasser niedrig stand, einmal einen Mann den Fluss hatte überqueren sehen, der Faramarz hätte sein können.

Auf beiden Seiten der einmal gezogenen Linien ließ man die Waffen bis zum Sonnenuntergang ruhen. Noch bevor die Sonne ihren hellen Saum von den trockenen Feldern aufgelesen hatte, las ich Parimah das Gedicht „Das grüne Tuch“ vor. Ich hatte es, inspiriert durch ihre Erzählungen und unsere Freundschaft, gerade erst verfasst:

Unter den Bäumen des kleinen Dorfes

Hört man den alten Holzfäller ächzen

Ein junges Mädchen

Zieht an dem Vorhang, unter dem Vorwand

Bloß über den alten Vater zu wachen

Öffnet das Fenster, versunken im Anblick

eines Vorüberziehenden, dessen Gestalt

Der des verschollenen Liebhabers ähnelt

Und sie erinnert den Tag

unter der Silberpappel, da

er ihr gesagt

„Dies grüne Tuch trag

mir zur Erinnerung“

Heute

Nach so vielen Jahren

Da jener Mann mit seinem Gewehr

Die Brücke passierte und sie verließ

Trägt das Mädchen, wie er ihr gesagt

Ein grünes Tuch

Wehend über weißen Haaren

Parimah hörte das Gedicht aufmerksam an und mit der letzten Zeile wurde die Trauer in ihrem Blick ihre Träne für Träne aus den Augen gespült.

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*Eine Scham, der eine Sitte zugrunde liegt, nach der es sich nicht gehört, sich in ein Mädchen zu verlieben, dessen Familie einem Schutz und Hilfe gewährt hat. Anmerkung des Autors.

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Aus dem Persischen von Sarah Rauchfuß


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